Mein Gott, Jesus!

Mein Gott, Jesus!
Verlangst du wirklich von mir,
immer wieder zu verzeihen;
die rechte Wange hinzuhalten,
wenn auf die linke geschlagen wurde;
dem Schwachen hinterherzulaufen,
um ihm Beistand anzubieten;
Vertrauen zu fassen, so blind,
wie ein Kind Vater und Mutter anhängt?

Das kann doch nicht mehr gelten heute!
Das kannst du doch nicht im Ernst erwarten!
Das darf doch nicht wahr sein!
Das geht doch heute nicht mehr!

Miteinander

Herr, ich bitte dich:

Nimm die Vorurteile aus unseren Herzen,
damit wir überwinden, was uns trennt.

Nimm die Ängste aus unseren Herzen,
damit wir einander vertrauen.

Nimm die Gleichgültigkeit aus unsere Herzen,
damit deine Liebe uns einen kann.

Ich rege mich auf

Ich rege mich auf über
einen verregneten Tag,
ein ödes Fernsehprogramm,
einen unberechtigten Elfmeter,
eine schlechte Beurteilung,
ein umfangreiches Projekt auf der Arbeit,
nervende Kollegen,
uneinsichtige Chefs,
andersartige Mitmenschen.

Andere klagen über
unzureichende Ernährung,
unmenschliche Arbeit,
ernüchternde Zukunftsaussichten,
mangelnde Zuneigung,
chronische Schmerzen,
zermürbende Einsamkeit,
bittere Armut,
verzehrende Heimatlosigkeit,
himmelschreiende Unrecht.

Gott, wie groß ist die Kluft geworden
zwischen ihnen und mir,
dass ich dem Dank die Klage vorziehe
und die Augen vor dem verschließe,
was wirklich drängt in unserer Welt.

Am Ende des Tages

Dieser Tag, Herr, geht zu Ende.
Dankbar lege ich alles in deine Hände.
Jede Begegnung, jedes Lächeln,
meine Fragen,
meine Arbeit, mein Mühen
und mein Versagen.
Jeden meiner Schritte,
Freude und Schmerz,
meine Gedanken, mein Wollen,
mein ganzes Herz.
In deine Liebe schließ alles ein.
Lass mich bei dir geborgen sein.
 
© Irmgard Erath

Guter Gott!

Guter Gott!
Wenn alle Dämme brechen,
Werte sich verkehren,
alles ins Wanken gerät
was mir bisher lieb und teuer,
wichtig und wertvoll war,
dann brauche ich dich umso mehr,
damit du meinem Leben Richtung gibst,
wie ein roter Faden,
der mir bei der Orientierung hilft.
Nicht hin und her geweht wie eine Fahne im Wind,
sondern aufrecht und selbstbewusst
will ich durch mein Leben gehen – mit dir.

Abschied nehmen

Abschied nehmen
von Menschen,
von Sicherheiten,
von Vertrautem,
von Gewohntem,
ist schmerzhaft.

Abschied nehmen
bedeutet aber auch
Chancen wahrnehmen,
anderes entdecken,
Neues wagen,
sich verändern.

Wer sich der Zukunft nicht öffnet,
missbraucht die Gegenwart
und verachtet die Vergangenheit.

Gott, du bist der Garant aller Zukunft!
Nichts brauche ich zu fürchten,
wenn es auch für mich einmal heißt,
Abschied zu nehmen.